26 September 2006

Wie die Hexe heiss wurde oder Hänsel und Gretel gingen in den Wald

Es waren einmal zwei Geschwister, Gnodeli und Dodeli, die lebten mit ihren Eltern in einem finsteren Wald, der weniger als 99 Morgen und einen halben Tag umfasste und trotzdem so unüberschaubar war, dass sich selbst Elben und andere Wichte nicht in ihn hineintrauten.
Am Waldrand lebte zwar hier und da ein puscheliges Eichhörnchen, aber weiter als man eine Buchecker werfen konnte wagten sich selbst diese pelzigen Kobolde nicht in den Wald hinein.
Ab und an verschwand eines von ihnen auf geheimnisvolle Weise und niemand vermochte zu sagen, was mit ihm geschehen war. Einige Leute behaupteten, die Zwerge von Pern würden Eichhörnchen mit ihrer gewaltigen Armbrust verschiessen, andere meinten, der Herr des Luxusturms in Sarasande verbrate die Eichhörnchen in seinen köstlichen Speisen.
Und nur ganz wenige Leute wussten, dass die Hexe, die mitten in dem finsteren Wald lebte, Schuld war am Verschwinden vieler puschliger Eichhörnchen.
Eines Tages nun meinte Gnodeli zu ihrem älteren Bruder Dodeli: "Lass uns heute in den Wald gehen und schauen, ob wir nicht ein paar Elben von den Bäumen pflücken können für unser Abendbrot. Die Eltern würden sich bestimmt freuen und vielleicht können wir ja auch ein Eichhörnchen fangen und braten."
Dodeli, der ein wenig langsam im Denken war, kam garnicht auf die Idee, dass er ja eingentlich Angst hatte vor dem Wald und insgeheim fürchtete, die Geschichte mit der Hexe könne stimmen und so sagte er ziemlich begeistert JA zu dem Vorschlag seiner kleinen Schwester.
Sie machten sich also auf in den Wald und hatten sich schon bald verirrt - was nicht wirklich verwunderlich ist: was kann man von Kindern mit den Namen Gnodeli und Dodeli schon anderes erwarten...
Es wurde immer finsterer und unheimlicher und als sie kurz vorm Verzweifeln waren, fanden sie sich urplötzlich vor einem kleinen schwarzen Häuschen auf einer Lichtung wieder.
Drinnen kreischte und stöhne und ächzte es in einer Tour und draussen hockten Raben auf den Ästen eines abgestorbenen Baumes und beobachteten jeden Schritt der beiden Kinder.
Neben dem Tor im Zaun hing ein Schild:, auf dem stand: Hexenhaus.
Gnodeli und Dodeli, die Hexenhäuser nur aus trivialen Märchen kannten, waren ziemlich enttäuscht, hatte sie doch immer gedacht, ein Hexenhaus sei aus Lebkuchen und mit lauter Zuckerwerk verziert.
Dieses hier aber war einfach nur schwarz. Kenner hätten es eher als Gummizelle mit Dach eingestuft.
Gnodeli und Dodeli schlichen neugierig an eines der kleinen Fenster und spähten ins Haus.
Drinnen sahen sie eine fette alte Hexe fluchend in der Hexenküche hantieren. Sie häutete kleine Eichhörnchen und schichtete sie in einer grossen Auflaufform.
Hinter ihr bullerte bereits erwartungsfroh der mächtige Ofen.
Da Gnodeli und Dodeli Hunger hatten, nahmen sie allen Mut zusammen und öffneten die Tür.
Sie betraten mit zitternden Knien die Hexenküche und blieben für alle Fälle und fluchtbereit in der Nähe der Tür stehen.
Kaum hatte die fette alte Hexe die beiden Kinder erspäht, funkelten ihre lüsternen Äuglein auf und sie dachte bei sich: was wären das zwei feine kleine Braten und mal eine wunderbare Abwechslung auf meinem Speiseplan. Immerzu diese ekligen Eichhörnchen hält ja nicht mal ein Ork aus und das will was heissen.
Gnodeli, die mutigere der beiden, bat um etwas zu Essen und deutete auf die grosse Auflaufform.
Die Hexe murmelt etwas in ihren Damenbart, das wie "Aber sicher doch, kommt sofort" klang und drehte sich zum Ofen um.
Dodeli, der nicht nur neugierig sondern auch ein wenig tapsig war, trat hinter sie und wollte ebenfalls in den Ofen spähen.
Genau in dem Moment, in dem die fette alte Hexe den Ofen öffnete und hineinschaute, stolperte Dodeli und schubste aus Versehen die alte Vettel in den glühendheissen Ofen.
Wrufffff - klappte die Tür zu und aus dem Innern war nur noch ein lautes Zischen zu vernehmen.
Gnodeli sprang erschrocken hinzu und mit vereinten Kräften öffneten die beiden lieben Kinder die Ofenklappe, um der armen alten Hexe herauszuhelfen.
Doch - es war zu spät: die Hexe war in der Glut des Ofens puterrot geworden und ausserdem auch ziemlich tot und das ist ja immer ein Zeichen dafür, dass ein Braten gar ist.
Gnodeli und Dodeli zuckten betrübt mit den Schultern. Aus dem Essen würde ja nun nichts werden, weil alte heisse Hexe... das mochte keiner von beiden.
So schulterten sie die grosse Auflaufform voller Eichhörnchenbraten und machten sich wieder auf in den dunklen Wald., der wundersamerweise plötzlich gar nicht mehr so finster und bedrohlich aussah und in ganz kurzer Zeit fanden die beiden heim.
DAS war eine Freude, als sie ins Haus traten und ihre Eltern, die sich inzwischen schon ein wenig gesorgt hatten, mit der riesengrossen Auflaufform samt Inhalt überraschten...