Die Geschichte vom Windbeutel
Gefunden in dem Märchenbuch aus der Kiste einer alten Zauberin, für Euch hier aufgeschrieben.
Es war einmal ein kleiner Windbeutel. Der sass seit Jahren in einer hübschen und gemütlichen Konditorei in der Auslage. Leider wurde er von niemandem, der in den Laden kam, gekauft. Warum, das wusste keiner so recht zu sagen. Irgendetwas stimmte mit dem Windbeutel ganz offensichtlich nicht, denn alle anderen Windbeutel, die mit ihm aufs Tablett gesetzt worden waren, wurden am selben Tag verkauft.
Nach einiger Zeit fühlte er sich so garnicht mehr wohl in seiner Brandteighaut und die Sahne, mit der er gefüllt war, die war auch nicht in seinem Sinn: sie war zu fett, zu geschmacklos ( ok, er selbst sollte und wollte sie ja auch nicht essen ) und der Puderzucker, den man vor langer Zeit auf den kleinen Windbeutel gesiebt hatte, der war auch schon längst nicht mehr weiss und fluffig.
Überhaupt bot der Windbeutel einen ziemlich jämmerlichen Anblick.
Das führte dazu, dass er immer unleidlicher und griesgrämiger wurde und jedes andere Gebäck, dass er zu sehen bekam, schlechtzumachen versuchte. Und je mehr er zeterte, schimpfte, herumstänkerte, desto stärker trocknete seine Haut aus und die Sahne wurde am Ende richtig sauer.
Er blähte sich auf zu einem wahren Sturmsack, protzte rum, er sei eine dreistöckige Hochzeitstorte, aus feinstem Bisquit und mit einer Mandel-Buttercreme gefüllt, und überhaupt sei er das Beste und Leckerste, was es im ganzen Konditor-Laden jemals gegeben habe und versuchte die Luft zu verpesten.
Das Dumme war: niemand glaubte ihm.
Und er, der das natürlich irgendwann merkte ( denn so dumm ist nicht mal ein kleiner Windbeutel ), erfand immer neue Geschichten und "mutierte" von der Hochzeitstorte zur Sachertorte, von der Sachertorte zum Obstkuchen und vom Obstkuchen zur Nuss-Sahne-Torte.
Die anderen Gebäckteilchen, die schönen Obst-und Cremetorten, die Plunderstücke, die Nusshörnchen und selbst die eingebildete Zürcher Torte beschlossen eines Tages, auf das Gekrähe des nervigen Windbeutels nicht mehr einzugehen und so kam es, dass der Windbeutel in den hintersten Winkel des Ladens verbannt wurde. Denn selbst der Konditormeister hatte inzwischen mitbekommen, was für ein Giftbeutel dort in seiner Auslage sein Unwesen trieb und wollte dem Ganzen einfach ein Ende bereiten.
So sass der unansehnliche Windbeutel also nun einsam auf einem schäbigen Neusilber-Tablett, das auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatte und drohte mit wüsten Beschimpfungen.
"Ich werde dafür sorgen, dass niemand mehr diesen Laden betritt. Dann werdet ihr sitzenbleiben und verrotten, und niemand wird euch mehr essen wollen." - "Ach," meinte spitz die Zürcher Torte "Du meinst, wir werden dann so aussehen und uns benehmen wie Du? Na, darauf kannst Du aber lange warten." Sprachs - und wurde auch schon an eine nette Dame mit freundlichem Gesicht und strahlenden Apfelbäckchen verkauft und eingepackt in eine hübsche bunte Tortenschachtel. Leises Lachen drang aus den Glasvitrinen und der Auslage in die dunkle Ecke, in der der Windbeutel hockte.
Das brachte den Windbeutel dermassen in Rage, dass er sich noch weiter aufblähte, und grösser wurde... und grösser ... und noch grösser... und mit einem lauten PLOPP zerplatzte.
DAS war ein Fest an jenem Tag in der kleinen, gemütlichen Konditorei: auch wenn der Bäcker noch lange die fettigen Sahnespritzer von den Wänden putzen musste, so war er dabei doch glücklich und pfiff ein heiteres Liedchen vor sich hin, zu dem die gesamte Kuchen-und Gebäckauslage in den Vitrinen und dem Schaufenster im Takt mitsummte und schunkelte.
Die Moral von der Geschichte: wenn Du ein Windbeutel bist, trags mit Fassung und halt einfach Deinen Mund. :)


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