26 September 2006

Wie der Falke zu seinem Ringlein kam

In einem fernen Land lebte einst ein kleiner Falke, der war wild und ungezähmt und ausserdem auch ziemlich frech, und er war der Schrecken der Ganoven, Brunnenmäuse und aller Dummen. Letztere gab es in dem kleinen Land sehr viele, und es wurden sogar täglich mehr. Leider traf das nicht auf die Brunnenmäuse zu und der Falke fand immer weniger fette und reichhaltige Beute.
An einem ar... äh, elbenkaltem Wintertag, als der Falke hungrig und frierend auf dem vereisten Ast einer alten Buche sass und nicht wusste, was er als nächstes fressen sollte, entdeckte er hinter einem Hügel ein einsames kleines Haus, das er vorher noch nie gesehen hatte.
Aus dem Schornstein rauchte und schmauchte es und machte überhaupt einen so heimeligen Eindruck, dass der Falke neugierig losflatterte und sich an einem winzigen Fensterchen im Dachgeschoss niederliess, um durch die Scheibe ins Innere des Zimmerchens zu blicken. Drinnen war ein Mann in seltsamen Gewändern damit beschäftigt, allerlei seltsame Gerätschaften zu putzen und polieren. Auf dem Tisch dampfte es aus einer irdenen Schale und der Falke meinte Fleischbröckchen erkennen zu können, dachte wehmütig und mit knurrendem Magen an eine fette blaue Brunnenmaus - das waren neben den roten die besten - und stiess aus Versehen mitten in einem herzhaften Seufzer gegen die Glasscheibe.
Der grosse Mann in der Dachkammer stutzte, schaute zum Fenster und glaubte seinen Augen nicht zu trauen: da sass doch tatsächlich ein kleines Federbündel???
Er öffnete vorsichtig das Fenster und wie dem Falken dann der Duft aus der Schale um das Köpfchen wehte, da war es um das Federvieh geschehen: es flatterte aufgeregt auf den Tisch und starrte wie hypnotisiert auf die dampfende Speise.
Der Mann, der - und das konnte unser kleiner Vogel nicht wissen - ein Falkner war, erkannte sofort, dass da jemand grossen Hunger litt und sprach zu dem Federviech: "Kleiner Vogel, lang zu. Iss, soviel Du magst und scheu Dich nicht."
DAS liess sich der Falke nicht zweimal sagen und bald war er satt und glücklich und dankte dem Mann auf das Allerliebste.
Der Mann, dem der Falke sehr wohl gefiel, fragte, ob er nicht bei ihm bleiben wolle und gab sich als Falkner zu erkennen.
Er erzählte dem Vogel, wie er sich um ihn kümmern und sorgen würde und nachdem der Falke dies alles wohl bedacht hatte, sagte er JA und ward von nun an des Falkners kleiner Geselle.
Der Falkner hatte einen extra weichen Handschuh aus Sandwurmleder angefertigt, und passend dazu eine kleine Lederkappe für den Falken, die war mit Edelsteinchen geschmückt und kostbare Stickereien aus feinen Mithril-Fäden zierten die Kanten.
Er hatte bei den Zwergen im nahen Gebirge ein wundersames Silberpfeifchen und ein winziges Glöckchen anfertigen lassen, welches der Falke an seinem linken Fuss trug und das immer, wenn er sich bewegte, leise klimperte und so dem Herrn des Falken verriet, wo sich sein kleiner Vogel aufhielt
Das wundersame Silberpfeichen jedoch trug der Falkner an einer wunderschönen Kette um seinen Hals und wenn der Falke in der Bläue des Himmels verschwunden war und den Falkner die Sehnsucht überkam, dann blies er hinein. Der Ton des Pfeifchens war so silberhell und fein, dass ihn nur der Falke zu hören vermochte und sobald er das tat, kam er blitzschnell auf die ausgestreckte Hand seinen Meisters zurückgeflogen.
So lebten beiden glücklich miteinander und freuten sich auf jeden Tag...
Eines Nachts jedoch wachte der Falkner durch einen fürchterlichen Lärm aus dem Erdgeschoss auf.
Er rannte die Treppe hinunter und sah grad noch eine finstere Gestalt in wehendem Mantel durch die Tür davonhasten.
Sein erster Gedanke galt dem kleinen Falken.
Der kreischte wild und hatte alle Federn gesträubt und der nackte Zorn funkelte wild aus den Äuglein.
Er erzählte dem Falkner ganz aufgeregt, dass ein finsterer Magier ins Haus eingedrungen und die Silberkette mit dem wundersamen Pfeifchen gestohlen habe und das machte den Falkner ganz schrecklich traurig.
Denn wie sollte er jetzt seinen Falken rufen, wenn der jagte...
Der Falke, den der Kummer seines geliebten Meisters jammerte, versprach sofort sich auf die Suche zu machen und das Pfeifchen wiederzubeschaffen, koste es was es wolle.
Schweren Herzens liess der Mann den Falken frei und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Haus und wartete sehnsuchtsvoll auf die Rückkehr seines kleinen Gesellen.
Der Falke jedoch hatte sehr wohl den Dieb erkannt und wusste von seinen vielen Streifzügen, wo er zu finden war.
Es war ein finsterer Magier, dem das silberne Pfeifchen schon lange ins Auge gestochen hatte und darum in seinen Besitz kommen wollte.
Er lebte in einem finsteren Schloss, dessen Eingang von zwei ekelhaften Stein-Elefanten bewacht wurde, die so hässlich waren, dass alle Besucher, die sie anschauten, selbst zu Steinsäulen erstarrten.
Der tapfere kleine Falke flog so schnell er konnte zu jenem unheimlichem Ort, wartete die Nacht ab und schlüpfte dann durch einen Riss im Kamin in das Arbeitszimmer des bösen Magiers. Und richtig: dort lag das silberne Pfeifchen und davor schnarchte der Magier in seinem Armsessel.
Leise schnappte sich der mutige Vogel das Kettchen und wollte grad wieder im Riss des Kamins verschwinden, als der Magier erwachte und laut fluchte.
Er bemerkte sofort den Vogel und den Verlust der Kette und schleuderte Blitze und Eispfeile auf das Tier.
Der Falke jedoch war schnell wie der Wind und wich allen Zaubern geschickt aus.
Er passte genau den Moment ab, in dem der Magier seinen Ring aufladen musste und flog beherzt und mit lautem Krächzen auf den alten Zauberer los und zerkratzte ihm die Augen!
Vor Schmerz laut schreiend fuchtelte dieser wild um sich und verlor dabei seinen Zauberring, der auf dem Steinboden aufschlug und in tausend Splitter zerbrach. Einer davon drang jedoch tief ins Herz das bösen Zauberers und tötete ihn.
Mit einem Mal erwachten draussen vor dem Tor mit den hässlichen Elefanten alle Steinstatuen wie aus einem langen Schlaf und die befreiten Menschen konnten ihr Glück kaum fassen und machten sich, jeder für sich, auf den Heimweg.
So auch der tapfere kleine Falke.
Er flog so schnell er konnte mit dem wundersamen Pfeifchen zu seinem Herrn und Meister und landete direkt auf dessen Schulter!
Vor lauter Freude, dass er seinen Falken wiederhatte und sogar das Silberpfeifchen dazu, küsste er das Tier und versprach ihm reichen Lohn.
Noch am gleichen Tag ging er zu den Zwergen ins Gebirge und liess für seinen Falken einen wunderschönen kleinen Fussring aus Mithril schmieden, der mit einem blutroten Rubin besetzt war, in dem ein Zauber wohnte.
Er leuchtete auf, wenn ihn jemand mit reinem Herzen und tapferer Seele trug. Wie er dem Falken den Ring übers Füsschen streifte, strahlte der Rubin auf wie die glutrote Abendsonne.
Und so lebten der Falkner, sein Falke und das wundersame Silberpfeifchen glücklich und zufrieden in ihrem kleinen Häuschen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.